Home Office und ich – eine Hassliebe
Lange habe ich um Home Office gekämpft. Dann hat Corona das Arbeiten von daheim salonfähig gemacht. Aber so richtig warm sind wir miteinander nie geworden.
Nachdem unser erstes Kind 1 Jahr wurde, habe ich nur noch Teilzeit gearbeitet und um Home Office angesucht. Damals galt ich in meiner Organisation, in der ich tagtäglich die Welt rette, als Pionier bzw. mitunter als Exot. „Was willst Du daheim und das Kind beaufsichtigen?“, fragte mich ein ehemaliger Mitarbeiter ratlos. Dafür gebe es ja Kindergärten und Schulen. (Wir beide wurden uns darüber nie einig 😊)
Seit mittlerweile 7 Jahren verrichte ich also mein Tagwerk auch von daheim. Da könnte man meinen, Home Office hat sich bei mir eingespielt. Die Antwort lautet allerdings: Mitnichten! Home Office ist wie eine Frau, mit der ich seit Jahren zusammen bin, aber mir manchmal nicht sicher bin, ob sie mich wirklich liebt – bzw. ich sie. Das liegt einerseits an der Natur von Home Office selbst: Home Office sind nämlich jene Tage mit dem schlechtesten Essen (zumindest wenn ich für die Zubereitung des Mahls verantwortlich zeichne). Home Office bedeutet Arbeiten unter erschwerten Bedingungen: lärmende Kinder, kleiner Schreibtisch, ein Drucker, der diese Bezeichnung nicht verdient. Und bei Home Office falle ich um die Annehmlichkeiten eines Büros um: eine Kantine, eine versperrbare Bürotür und die Möglichkeit aufs Klo zu gehen, ohne im Minutentakt gefragt zu werden, wann ich fertig bin.
Meine Frau meint, dass ich an Home Office Tagen unentspannter bin als sonst. Damit hat sie – wie im übrigen immer – recht. Das liegt zum einen an meinem systemimmanenten Streben nach Perfektion. Ich will nämlich an Home Office-Tagen meinem Chef und darüber hinaus der ganzen Welt zeigen, dass ich daheim mindestens (!) so produktiv bin wie im Büro. Aus diesem Streben habe ich mittlerweile einen nahezu pathologischen Hochleistungssportart gemacht: z.B. nehme ich das Handy sogar auf die Toilette mit (wo es mir bislang 2x nur mit viel Glück nicht ins Klo gefallen ist). Möglich, dass ich das mit der immerwährenden Erreichbarkeit mitunter übertreibe… 🤔
Was zu meiner latenten Unentspanntheit an Home Office-Tagen ebenfalls beiträgt, ist mein Chef selbst. Er ist nämlich kein Freund von Home Office. Er hat Corona nie verziehen, dass es uns allen Home Office beschert hat. 😊 Er lässt keine Gelegenheit aus, mir zu zeigen, dass Home Office nicht funktioniert und offen gesagt, gibt ihm die Praxis manchmal durchaus Recht. Damit hat er bei mir Erfolg, denn mein mitunter anstrengendes Streben nach Perfektion wird nun auch noch von Schuldgefühlen begleitet. Ich fühle mich mitverantwortlich für die Leiden meines Chefs. Von Freunden weiß ich, dass sie an Home Office-Tagen tagsüber auch mal 2 Stunden Tennis spielen, wenn das Wetter schön ist – und das mit Gottes bzw. des Chefs Gnaden. 😳 Ich dagegen bekomme bereits Panik, wenn ich meine Tochter in den Kindergarten bringe, aber um 9 Uhr immer noch nicht zurück @homework bin. „Was, wenn mein Chef anruft und ich bin noch im Kindergarten?“, lautet meine ständige Befürchtung, die in den letzten 3 Jahren immerhin bereits ganze 2x eingetroffen ist…
Dass mein Chef so leichtes Spiel mit mir hat und ich mir seine Kritik so zu Herzen nehme, ist natürlich meine Baustelle, ganz klar. Aber er ist nicht mein einziger Vorgesetzter, der mitunter unzufrieden mit meinem Zeitmanagement ist: Da ist ja noch meine Frau. 🥰 An meinen Bürotagen kann sie meine Heimkehr natürlich nicht erwarten, um die Freuden der Kinderaufsicht an mich zu übergeben. Das kann schon mal zu einer lustigen Szene führen, wenn ich mich bereits auf dem Heimweg befinde und mein Handy klingelt: „Bist Du noch da?“, fragt mich mein Chef. Ich verneine. Ein paar Minuten später klingelt es wieder: „Bist Du schon da?“, fragt mich meine Frau. Ich antworte erneut wahrheitsgemäß und verneine. Ergebnis: Beide sind mit mir unzufrieden 😊
Klugscheißer-Tipps:
- Programmieren Sie an Ihrem Firmenhandy einen eigenen Klingelton für Anrufe Ihres Chefs.
- Bringen Sie Ihre Kinder dazu, Sie schnellstmöglich zu informieren, wenn das Handy in besagtem Ton klingelt und Sie z.B. gerade kochen. Besser noch: trainieren Sie sie dazu, Ihnen das Handy zu bringen, egal wo Sie gerade sind.
- Zeigen Sie Verständnis für Ihren Chef, wenn er über Home Office lamentiert. Wenn Sie den Qualen einer Führungsverantwortung ausgesetzt wären, würden Sie es auch tun.
- Haben Sie einen Chef, der Home Office für eine Plage hält? Versuchen Sie nicht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Sie werden es nicht schaffen. Geben Sie stattdessen einfach Ihr Bestes – und protokollieren Sie es. 😊
Text: Paul Grohmann, 25.10.2022
Foto: Paul Grohmann
